Frau und Familie und Beruf 1990 bis 2020

Egal wie, es kann anders gesehen werden

Montag, 12. Oktober 2020

Gisela Krämer und einige Erlebnisse aus Führungsarbeit und 25 Jahren Selbstständigkeit und als Mama zweier Jungs. Storytelling mal anders

Was machen Sie mit Ihrem Kind, wenn Sie arbeiten?
Wir dachten, Sie sind so eine Karrierefrau!
Sie sollten mal öfter zu Hause sein, das wäre besser für Ihr Kind.
Da-sein und Da sein sind doch zwei paar Schuhe.

2010

Da sein und Da sein sind doch 2 Paar Schuhe, du warst immer für uns da!

Vermutlich haben alle berufstätigen Eltern immer mal ein schlechtes Gewissen und sind zwischen "Ich muss doch arbeiten" und "Ich sollte für meine Kinder mehr da sein" hin- und hergerissen.

Nicht viel anders erging es mir. Ich war eine in Vollzeit berufstätige und auch noch selbständige Frau und einige Jahre auch recht häufig auf Geschäftsreisen unterwegs. Ich habe euch ja schon davon erzählt. Peter und ich haben von Anfang an die Kindererziehung und auch deren Betreuung weitgehend allein gestemmt mangels Großeltern in der Nähe. Klar Kindergarten und Schule, aber Hort und ähnliches gab es halt noch nicht.

Bei meiner Freundin war es ähnlich und sie kannte es zudem (im Gegensatz zu mir) von Zuhause nicht anders. Auch aus ihren Kinder ist etwas geworden, beide im Studium.

Jedenfalls an einem Nachmittag beim Kaffee kamen wir so ins Gespräch darüber und ich sinnierte, ob unseren Kindern irgendetwas vielleicht doch gefehlt hat. Es gibt ja genug Studien dazu, wie Kinder mit Eigenbetreuung und Fremdbetreuung aufwachsen.

Sie sagte: "Wir könnten sie einfach einmal fragen." Ok, da hatte sie wohl recht, dachte ich. Ganz einfach.

Ein paar Tage später ging ich mit einem unserer Söhne spazieren und fragte irgendwann: "Sag mal, wie war das eigentlich für dich, dass ich so oft weg war?"

Die Reaktion: "Wie meinst du das denn jetzt?"

"Ich war ja in den letzten Jahren immer wieder unterwegs auf der Arbeit. Und dann war ich nicht zu Hause. Wie war das für dich / euch?"

Die Antwort berührt mich heute noch:

"Mama. Da sein und Da sein sind doch zwei paar Schuhe. Und du warst immer für uns da!"

Schnüff.

2005

Ich dachte, Sie sind so eine Karrierefrau!

Es war und ist eine schön gelegene Fortbildungsstätte mitten im Wald, fast eine alte Villa (nur größer).

Ich habe in diesem zentralen Schulungszentrum (Ausbildung für ein Bundesland) schon einige Jahre gearbeitet als Führungskräfteentwicklerin und Seminarleiterin für Themen wie "Distanz und Nähe".

Eines Tages betrat ich zur Mittagszeit die Kantine und wurde mit den Worten empfangen von den Küchendamen: "Ja Frau Krämer! Wir haben gehört, Sie sind verheiratet und haben Kinder!?"

"Äh. Ja? Das stimmt, ich bin schon lange mit meinem Mann zusammen und wir haben 2 Kinder im Alter von 15 und 11 Jahren."

"Das ist ja toll. Wir dachten, Sie seien so eine Karrierefrau!"

Staun.

Tatsache war, dass ich von Stund` an noch einen Nachschlag beim Essen bekam und für mich die besten Stücke aufgehoben wurden, wenn es mal wieder später wurde zum Essen. Als doppelbelastete Frau muss man gut essen.

Süß oder? Ich überlegte mir, wie dieser Eindruck entstanden sein könnte. Das war gar nicht so einfach, weil ich an und für sich nichts verberge. Aber in den Führungskräfteseminaren lag der Focus auf der beruflichen Schiene und wir haben nicht so viel Privates gesprochen. Auch waren fast nur Männer in den Seminaren.

Vielleicht hatte es etwas damit zu tun. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls hatte ich große Augen und fand die umgekehrte Perspektive auf den "Wert" einer Frau und die Definition von Frau-Sein total spannend.

2003

Meinen Sie nicht, dass es besser wäre, wenn Sie mal öfter daheim wären?

Ein denkwürdiges Elterngespräch.

Wieder in der Schule. Jedes Mal muss man sich auf ein Kinderstühlchen setzen, die Lehrerin sitzt am anderen Ende vom Tisch und ich mutierte da immer irgendwie. Hängt bestimmt mit der gebeugten Haltung zusammen. Diese hat ja eindeutige Auswirkungen.

Thema: Hausaufgaben (die nicht erledigten) des damals 8jährigen Sohnes, 3 Klasse. Die Lehrerin erklärte mir die Situation, die mir sehr wohl bewusst war, dass das Kind nicht immer alle Hausaufgaben gemacht hätte und meinte dann: "Meinen Sie nicht, dass es besser wäre, wenn Sie mal öfter daheim wären?"

Ehrlich das tut mir heute nach den vielen Jahren noch weh, wenn ich daran denke. Ich sehe dann traurige Kinderaugen und habe sofort ein schlechtes Gewissen.

Hintergrund: In dieser Zeit war ich sehr regelmäßig auf Geschäftsreisen, außer den ganzen Ferien, die haben wir immer komplett gemeinsam verbracht und habe die beiden Kinder bei ihrem Vater zu Hause gelassen. Peter hat sich in dieser Zeit um alles gekümmert: Haushalt, Fußball, Schule, Vertrieb, Büro, er hatte viel zu tun. Wir waren technisch gesehen schon mit allem ausgestattet: Video-Telefon, Telefon, Mails und haben täglich mehrfach telefoniert. Das war schon eine schöne Zeit. Aber zurück zu diesem Gespräch, ich schweife ab. Zum Glück hatte ich meine Klärungsprozesse zu diesem Zeitpunkt schon hinter mir und konnte besser damit umgehen.

Also Frage: "Meinen Sie nicht, dass es besser wäre, wenn Sie mal öfter daheim wären?"

"Nein, ich denke nicht, dass es etwas damit zu tun hat.

Das Kind sitzt täglich sehr lange an den Hausaufgaben, 1,5 Stunden und länger und schafft nicht mehr. Wenn Sie ihn dann fragen, was los ist und schimpfen, dann sitzt er schnell im "Loch".

"Ja das wusste ich nicht, ich dachte, ich müsste ihn etwas härter anpacken." ?????

"Das führt nur dazu, dass er sich noch weiter zurückzieht und immer mehr blockiert. Was können wir tun? Ich hätte einen Vorschlag."

"Ja?" "Ich bin der Ansicht, dass es reicht, wenn das Kind nicht mehr als 1 Stunde Aufgaben machen sollte. Mehr schafft er einfach nicht. Und ich möchte mal wieder ein spielendes Kind zu Hause. Wie wäre es, wenn die Hausaufgaben dann nicht fertig sein sollten, dass wir Ihnen das im Hausaufgabenheft aufschreiben und Sie das akzeptieren, wenn das Kind Ihnen das vorlegt."

"Einverstanden, so machen wir das. Das ist gut, die Hausaufgabenzeit zu begrenzen."

Zu Hause berichtete ich meinem Sohn von dem Gespräch. Ich erinnere mich, dass er noch einmal nachhakte: "Und ich muss wirklich nicht mehr als 1 Stunde Hausaufgaben machen? Das hat die Lehrerin gesagt?" Ich habe ihm beides nochmal versichert.

Was soll ich sagen? Ich glaube, es wundert niemanden wirklich, dass das Kind äußerst selten länger als 1 Stunde für alle Hausaufgaben gebraucht hat. Der Druck war einfach weg. Und die Erkenntnis, dass es dem Kind auch wenig genutzt hätte, wenn ich öfter zu Hause gewesen wäre- Das war der Zusammenhang, den die Lehrerin hergestellt hatte und nicht der Druck, den sie aufgebaut hatte den Kind gegenüber.

Mal vom Familienfrieden abgesehen.

1990

Hätten Sie diese Frage auch einem Mann gestellt?

Mein erstes Kind war geboren und die Erziehungszeit, die Peter und ich uns teilten, näherte sich dem Ende.

Ich erhielt einen Anruf eines Headhunters mit der Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, bei einer großen Firma im Produktionsbereich die Position der Personalleitung zu übernehmen. Die Größenordnung lag bei 2.500 Mitarbeitern.

Der Herr fragte im Laufe des Gesprächs: "Sie haben ein kleines Kind, habe ich gehört?" "Ja."

"Was machen Sie mit Ihrem Kind, wenn Sie arbeiten?"

Ich war im ersten Moment völlig verblüfft über diese Frage und war gar nicht auf die Idee gekommen, dass mich das irgendjemand fragen könnte.

Daher war meine Antwort sicher nicht ganz so diplomatisch: "Sie können davon ausgehen, dass mein Kind versorgt ist, wenn ich arbeiten gehe! Hätten Sie diese Frage auch einem Mann gestellt?"

Er war etwas hilflos. "Ja, nein... Sie müssen doch verstehen.." "Es tut mir leid, ich kann diese Frage nicht verstehen.

Ich bin mir sicher, dass er nach diesem Gespräch zumindest einen neuen Baustein in seiner Weltensicht hatte. Ich konnte grundsätzlich seine Sorge nachvollziehen, aber als berufstätige Mama auch wieder nicht.

Warum auch? Manchmal denke ich im Rückblick, wenn ich heute einige junge Mütter höre, was ihnen so begegnet, dass immer noch nicht genug Zeit vergangen ist. Warum werden das Frauen gefragt?

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