Rache als Bedürfnis. Wahrheit oder Rechtfertigung

Rache als Bedürfnis? Wahrheit oder Rechtfertigung?

Samstag, 25. Juli 2020

Rache als Bedürfnis schicklich oder verwerflich?

Rache ist ein Begriff seit alters her und wurde (gerade auch in der Kirchengeschichte, hier gibt es nun mal die meisten Aufzeichnungen) als grundlegendes Bedürfnis benannt.  Rache wird an den unmittelbaren Schädigern oder stellvertretend an Assoziierten geübt. Ein Beispiel ist die Verfolgung von Juden, weil man in ihren Vorfahren die „Mörder Jesu“ sah. Rachemotivationen und Rachehandlungen liegen in der Frage, ob damit eine Schädigung der eigenen Person oder die Behandlung anderer Menschen wiedergutgemacht werden soll.

Meistens wird die persönliche Rache als nicht schicklich oder verwerflich angesehen, die stellvertretende Rachehandlung durchaus als heroisch.

Ob wir davon ableiten können, dass sich darauf das Rechtssystem beruft, um in einer vernünftigen und neutraleren Form Wiedergutmachung zu erlangen, weiß ich grad noch nicht, werde nachdenken. Vielleicht hat jemand von euch Ideen dazu.

Was liegt unter dem "Bedürfnis"?

Ich möchte gerne den Aspekt der Rachehandlung als zutiefst verwurzeltes menschliches “Bedürfnis” in eine andere Form bringen mit der Frage: Was liegt unter diesem Bedürfnis? Was bekommt der Mensch nicht, weshalb er zu diesen Maßnahmen greift. Mein humanistisches Verständnis sieht Rache nicht mehr als Bedürfnis per se, sondern als Ausdruck  einer Nothandlung. Wird der Schritt nicht gegangen zum Hinterfragen nach den darunter und dahinterliegenden Bedürfnissen, wird es außer Rache mit viel Leid keinen Weg geben. Rache wiederum führt nur zu neuen Fehlhandlungen und Verletzungen, die dann wiederum einer Rache bedürfen, weil andere Menschen verletzt wurden. So wird eine Kettenreaktion daraus, die sich manchmal sogar schließt, weil der Geschädigte zurück ”schädigt”, never ending story.

Umwandeln des Rechts nach Rache

Was also tun und was bedeutet das für die Mediation aus meiner Sicht?

Das Umwandeln des Rechts nach Rache erfolgt im ersten Schritt mit einem Waffenstillstand, Frieden ist ja noch lange nicht da.

Die Waffen müssen ruhen, sei es das Unterlassen von körperlichen Attacken oder das Unterlassen von verbalen Übergriffen. Auch eine weitere Eskalation durch Machtverschiebung, wie die Einbeziehung bisher Unbeteiligter muss zum Zwecke der Rache unterbleiben. Einbeziehung Dritter zum Zwecke der Konfliktlösung ist selbstverständlich machbar.

Rachebeweggründe

Der zweite Schritt bedeutet das Hinterfragen der Verletzung, der Fehlhandlung: Was stand dahinter, was war die Triebfeder, was war das zugrundeliegende Bedürfnis? Geht es um Gerechtigkeit, Fairness, Gleichbehandlung, Rücksichtnahme oder Respekt? Geht es um Handlungsfähigkeit, Autonomie, eigene Meinungen? Das Herauszuarbeiten ist nicht leicht für die Konfliktparteien. Erst, wenn das klar ist und auch deutlich wird, wo genau die Übergriffe und Fehlhandlungen genau lagen, kann eine Wiedergutmachung erfolgen.

Wiedergutmachung

Eine Wiedergutmachung ist definitiv etwas anderes als Rache. Für mich bedeutet Rache, einen neuen Handlungsstrang zu eröffnen, dessen Beweggrund auf falschen Annahmen basiert. Wiedergutmachung bedeutet Ausgleich und Wiederherstellen, bedeutet Schuldübernahme und Sühne, bedeutet Vollzug und Handlung. Eine Entschuldigung bedarf der Annahme des Geschädigten. Dann gibt es einen Weg aus dem unseligen Kreis von Rache und Rache.

Insofern möchte ich Rache heutzutage nicht mehr in die Bedürfnisse einordnen, sondern die dahinterliegenden Bedürfnisse deutlich nach vorne treten lassen.

Dann wird ein Weg möglich sein, um Lösungen und gangbare Wege zu finden.

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